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Interview mit Herrn Nishimura in der Zeitschrift Audio Professionel

AP: Warum sind Sie in die Mehrkanal-Produktion eingestiegen?

Wir haben schon lange Zeit mit der Zweikanalwiedergabe gelebt. Heute haben 80% aller  Haushalte in Deutschland eine Stereoanlage. CD-Player können schon für 180 DM, CD-Software kann für 3-4 DM gekauft werden. Jedes Jahr kommen neue Musiker auf den Klassikmarkt, die CDs produzieren und verkaufen wollen. Wenn von einer Produktion 500-2000 Stück weltweit verkauft werden, ist das viel. Wegen diesem Ueberangebot fallen die Preise für Hard- und Software immer weiter. Der deutsche HiFi-Markt hat 1992 mit 4.9 Mrd. DM verkaufter Hardware seinen Spitzenwert erreicht, dieses Jahr werden es wahrscheinlich nur noch 2.7 Mrd. DM sein. Ein rentables Geschäft ist da nicht mehr möglich. 
Das ist der Grund, warum Mehrkanalton als echte Innovation notwendig ist. Und mit der DVD-Techologie, die  7mal mehr Speicherkapazität als die CD bietet, ist die Mehrkanaligkeit heute technisch möglich geworden.

AP: Wo liegt der Unterschied zur CD-Produktion?

Wir haben schon bei unseren Stereo-Aufnahmen Wert darauf gelegt, die Atmosphäre des Raumes einzufangen. Deshalb haben wir immer in One-Point-Technik gearbeitet. Wir haben gemerkt, dass es möglich ist, mit nur zwei Mikrofonen die Atmosphäre des Raumes wiederzugeben. Werden 45 Mikrofone aufstellt und gemischt, kann man natürlich jeden Ton genau hören, aber die natürlich Akustik ist vollkommen tot. Es ist nur eine breitere Linie an Einzelinstrumente. Und deswegen habe ich vorgeschlagen, One-Point-Produktionen auf den Markt zu bringen. 
Der natürlich Klang ist nicht nur der korrekt nach Noten gespielte Ton, sondern auch der Ton in seiner räumlichen Umgebung. Mein Idee ist es, die Raumakustik z.B. eines Konzertsaales in einem kleinen Wohnzimmer originalgetreu wieder herzustellen. Denn wenn z.B. im Konzert alle Blechbläser fortissimo spielen, hört man die anderen Instrumente nicht mehr. Das soll bei meinen Aufnahmen auch so sein. Ich möchte die gleiche Atmosphäre wie im Konzertsaal wiedergeben. 
Dazu kommt, dass natürlich jeder Konzertsaal anders klingt. Oft ist es so, dass auf der CD jedes Instrument sehr präsent ist. Die Akustik wird dann künstlich nachbearbeitet. Dann klingt alles gleich, egal wo das Konzert aufgezeichnet wurde. 

Schon 1985 haben wir gleichzeitig Vierkanal-Produktionen gemacht. Das war mit dem damaligen Denon-Equipment möglich. Und die Aufnahmen waren gut. 1987 haben wir bei der IFA mit Hilfe einer Datenreduktion nach dem ADPCM Verfahren eine CD mit 4-Kanalton vorgestellt. Das war eine absolut neue Klangdimension. 1997 haben wir im DVD Video Format die erste Multikanalmusikaufnahme für den Massenmarkt eingeführt.

Die CD-Zeit ist vorbei. Jetzt komme ich meinem Ziel noch näher, denn jetzt kommt eine neue Technologie mit mehr Kapazität, die es erlaubt in einer besseren Tonqualität als die CD fünf oder sechs Kanalaufnahmen zu speichern.

Momentan produziert die japanische Industrie viel in 192 kHz, 24 Bit stereo. Meine Meinung dazu ist: wenn ich das gleiche Musikstück zwischen 44,1 kHz und 192 kHz umschalte, höre ich nur Nuancen, vielleicht eine etwas bessere Auflösung. Aber einen drastischen Unterschied höre ich nicht. Ich produziere in 24 Bit / 48 kHz. Das ist völlig ausreichend, weil durch die  natürliche Geräuschkulisse bei den Aufnahmen eine hoehere Aufloesung bzw. Dynamik keine Vorteile bringt und die wenigsten Menschen Frequenzen über 20 kHz wahrnehmen.
 

Aber wenn ich das gleiche Musikstück mit 5 Mikrofonen aufnehme, hört jeder einen gewaltigen Unterschied. Der Effekt ist dramatischer als der Wechsel von Mono auf Stereo. Unsere Branche braucht etwas neues, was dem Konsumenten deutliche Vorteile bringt. Genau wie damals der Wechsel von LP zur CD.
In der Zweikanaligkeit ist Hard- sowie softwareseitig eine Sättigung erreicht. Eine qualitative Steigerung ist kaum mehr möglich und wird vom normalen Konsumenten auch nicht honoriert.

5-Kanal oder 5.1
Ich mache grundsätzlich reine 5-Kanal-Produktionen oder reine 6-Kanal-Produktionen in Linear PCM Format mit einer besseren Klangqualität als bei der CD. 5.1 ist ein datenreduziertes Format fürs Kino, um die Effekte wiederzugeben. Die Klangqualität ist von Linear PCM besser. Musikaufnahmen in 5.1 haben wir nur deshalb auf den Markt gebracht, weil es Linear PCM bzw. DVD-Audio noch nicht gab. Wir wollten aber als Pioniere der Mehrkanalaufnahmen so früh wie möglich dem Konsumenten den Genuss von 5-Kanal-Produktionen gestatten. Es hat auch den Absatz von AV Receiver bzw. Verstärkern genutzt.

Wenn man genau die Akustik  im Konzertsaal  aufnehmen will, reichen 5 Mikrofone aus. Diese Mikrofone nehmen auch den tieffrequenten Anteil auf. Dadurch wird eine vollkommen natürliche Raumakustik über 5 Breitbandlautsprecher wiedergegeben. Ein Subwooferkanal wie bei 5.1 ist dann nicht notwendig.

Nur wo die Mikrofone in einem Raum hängen müssen, ist das große Know How. Dieses Know How habe ich nur über langjähriges Ausprobieren erlangt. 
Wenn ich vorne drei Mikrofone und hinter zwei Raummikrofone aufhänge, dann habe ich bereits eine verschärfte Ortbarkeit der Instrumente und eine natürliche Räumlichkeit. 
Eine spätere Manipulation ist nicht notwendig. 

Equipment

Ich habe einen von Denon entwickelten Computer, mit dem ich direkt aufnehme. Den Tascam-Digitaltaperecorder nutze ich als Backup-Medium und Analog/Digital Konverter. Die Bruel & Kjaer Mikrofone mit Kugelcharakter sind über einen Verstärker direkt am Analogeingang des Tascams angeschlossen und sind über das AES/EBU-Interface mit den PC verbunden. Ich kann aufnehmen und gleichzeitig schneiden. Nach dem Schnitt kommt das Authoring. Die gesamte Software ist auch von Denon. Dann brenne ich eine DVD-R. Der DVD-R-Brenner von Pioneer kostet heute noch 10.000 DM, die Medien kosten ca. 80 DM. 
Die gebrannte DVD-R gebe ich zur Sonopress zum Glassmastering. 
Meine ersten DVD-Audios sind seit 30. August für ca. 54 DM auf dem Markt. Die Wiener Abend DVD-Audio gibt wunderbar die Fülle des Boesendorfer Konzertflügel wieder. Die Orgelaufnahme aus der Saarbrückener St. Johann Basilika ist eine Aufnahme, die nur als DVD-Audio in 5 Kanalton realisierbar ist. Es gibt nämlich vorne links eine franzoesische Orgel und vorne rechts eine spanische Orgel. Hinten steht die Hauptorgel. Man steht mitten in der Basilika wenn man die Augen schliesst. 

Kopierschutz
Der japanische Markt ist wegen des Kopierschutzes verunsichert. Sämtliche Mitglieder der japanischen Schallplatten-Industrie dürfen keine DVD-Audios verkaufen. Dabei ist die erste Software fertig. 
Dann kamen die ersten DVD-Audios aus Deutschland nach Japan. Die japanischen Firmen wollten gerne DVD-Software haben, da bereits im Oktober letzten Jahres mit dem Verkauf der Player begonnen wurde. 

Meiner Meinung nach ist die Diskussion über den Kopierschutz z.Z. unsinnig, weil es in den nächsten 2-3- Jahren keine Kopiermöglichkeit geben wird die sich lohnt. 

Alle Gerätehersteller haben die Geräte fertig. Aber ohne Software können keine Geräte verkauft werden. 
Warum muss die Markteinführung deswegen verzögert werden?
Wichtig ist, das die Geräte da sind. Und die Industrie braucht Umsatz. Die Firmen haben viel Geld in die DVD-Audio Entwicklung gesteckt und bisher keine Umsatz gemacht. Das muss sich ändern, sonst werden Firmen schließen müssen. Es ist dringend notwendig, dass Software auf den Markt kommt. 

SACD versus DVD-A
Im Moment hat die SACD noch keinen Mehrkanalton. Meiner Meinung nach hat nur ein mehrkanaliges Format eine Zukunft. Stereosignale in Hochauflösung können nur sehr wenige Leute hören. Im normalen Wohnzimmer ist es, so denke ich, so gut wie gar nicht möglich. 
Die Leute haben Kompatibilität zur CD. Aber DVD-Audio Player können die CDs auslesen. Auch jeder DVD-Video Player. Warum braucht man dann SACD?

AP: Ist der Konsument vorbereitet?
Der Konsument hat überhaupt keine Ahnung.  Man muss den Leuten die neue Dimension der DVD Audio Technologie noch präsentieren. Aber das war bei der DVD-Video ebenso. Mittlerweile hat sich das Format etabliert. Es sind heute schon 6000 DVD-Video-Titel verfügbar. Und das wird auch im Musikbereich kommen. 

AP: Ist der Produktionsmarkt vorbereitet?
Es herrscht noch große Unsicherheit z.B. bei der Positionierung der Mikrofone. Die Leute haben wenig Erfahrung mit Aufnahmen, die die Raumakustik wiedergeben sollen. Die richtige Forschung fängt jetzt erst an. 
Aber die Tonmeistertagung wird sehr viel Klärung und Aufschwung bringen. 
 

e-mail: nishimura@t-online.de